Wie macht man eine 1700-jährige Mauer fit für die Zukunft?

Instandsetzungsarbeiten am Römerkastell in Stein am Rhein

Im Jahr 294 errichtete das römische Militär gegenüber dem heutigen Städtchen Stein am Rhein ein Kastell. Die Umfassungsmauer steht bis heute und umgibt die Kirche Burg mit Friedhof. Die östliche Mauer zeigte jedoch zunehmend Zerfallserscheinungen und statische Probleme. Mitte März dieses Jahres starteten deshalb nach intensiven Vorabklärungen die Arbeiten, welche die Mauer langfristig sichern und für die Zukunft erhalten sollen.

Teil eines grossen Ganzen 
Zur Blütezeit des römischen Reiches im 1. Jahrhundert entstand am Rhein bei Eschenz die Ortschaft TASGETIUM. Die Bewohnerinnen und Bewohner betrieben friedlich Handel und Handwerk. Damit war es vorbei, als durch Wirtschaftskrisen und wiederholte Einfälle germanischer Gruppen die Reichsgrenze an Rhein, Iller und Donau zurückversetzt werden musste. Während die Häuser des Städtchens verfielen, wuchs auf einem Hügel nebenan ein mächtiges Bauwerk in die Höhe: In diesem Kastell sollten fortan militärische Gruppen stationiert sein. Umgeben von mächtigen Mauern mit Türmen und geschützt durch tiefe Gräben, sicherte das Kastell über hundert Jahre lang eine wichtige Brückenverbindung über den Rhein.

Von der Burg zum Kastell 
Im 18. Jahrhundert müssen die Aussenmauern der West-, Süd- und Ostseite teilweise noch bis zu vier Meter hoch gestanden haben. Damals glaubte man, dass es sich um die Mauern einer mittelalterlichen Burganlage handelt, woraus die heutige Ortsbezeichnung der Kirche Burg entstand. Erst die Grabungen am Ende des 19. Jahrhunderts durch den hierfür gegründeten «Historisch-Antiquarischen Verein» ergaben nicht nur zahlreiche Funde, sondern auch die Einordnung als Kastell aus römischer Zeit, das darauf unter Bundesschutz gestellt wurde. Der Verein restaurierte die Südmauer der Anlage und baute sie teilweise wieder auf. Die Ostmauer hingegen wurde lediglich freigelegt und blieb bis auf eine Fundamentsicherung weitgehend im vorgefundenen Zustand.

Wenn der Zahn der Zeit nagt 
Mehr als hundert Jahre nach ihrer Freilegung geht von der Ostmauer zwar keine unmittelbare Gefahr für Personen aus, jedoch ist das Baudenkmal geschwächt. Der Frost hat Steine gelockert und Wurzeln von Brombeeren und Hasel zwängten sich in den eigentlich harten Mörtel. Regen hat die Fundamente unterspült und zu Rissen in der Mauer geführt.

Vor vier Jahren wandte sich die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Burg als Grundeigentümerin an die kantonale Denkmalpflege und Archäologie. Gemeinsam mit beigezogenen Fachleuten erarbeitete eine Baukommission daraufhin eine Lösung, um dieses für die Stadt und die Region bedeutende Kulturdenkmal erhalten zu können. Nach technischen und archäologischen Detailabklärungen konnten ein konkretes Instandhaltungsprojekt ausgearbeitet und an verschiedenen Stellen Subventionsgesuche gestellt werden. Durch grosszügige Finanzierungszusagen seitens des Bundes, des Kantons Schaffhausen, der Stadt Stein am Rhein und der Jakob und Emma Windler-Stiftung ist es erfreulicherweise gelungen, die Kirchgemeinde bis auf einen kleinen Restbetrag finanziell zu entlasten.

Mauerrettung mit vereinten Kräften und Fachkompetenz 
Seit Mitte März laufen die Instandsetzungsarbeiten. Inzwischen steht die Mauer wieder stabil auf einem neuen Fundament aus Beton. Mitarbeitende der Kantonsarchäologie haben die gesamte Mauer vermessen und Schäden, aber auch bautechnisch spannende Details auf Plänen festgehalten. Als nächstes folgt der Ausbau der zahlreichen Wurzeln. Dann kommen Maurer mit Erfahrung im Umgang mit historischem Mauerwerk zum Zuge und fügen neue Steine dort ein, wo es für die Stabilität und den Schutz der römischen Substanz nötig ist. Ziel ist jedoch nicht ein Wiederaufbau oder eine Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes, sondern der möglichst umfassende Erhalt der originalen Steine und Mörtel.  

Veranstaltungshinweis: 
Am 13. Juni, von 10–17 Uhr, findet ein Tag der offenen Baustelle statt. Die Bevölkerung von Stein am Rhein und Umgebung ist eingeladen, sich an verschiedenen Stationen über die laufenden Instandhaltungsarbeiten, die geschichtliche Bedeutung und die neuesten archäologischen Erkenntnisse zum Römerkastell zu informieren. Zusätzlich werden Führungen in der Kirche und im Bunker angeboten. Gleichzeitig gibt das Amt für Archäologie Thurgau Einblicke in die laufende Grabung beim Parkplatz Insel Werd in Eschenz. Weitere Informationen zum Anlass werden zu gegebener Zeit folgen.


Info: 
Kantonsarchäologie Schaffhausen
Telefon +41 (0)52 632 74 96
archaeologie(at)sh.ch
www.sh.ch